Selbstversorger-Schule Episode SS-16
Dies ist Teil 16 der Serie ‚Selbstversorger-Schule‘ auf selbstversorgen.com. In dieser Episode lernt ihr, wie ihr eure Jungpflanzen durch Pikieren und Vereinzeln optimal stärkt und für ein gesundes Wachstum vorbereitet.
Was bedeutet Pikieren? (Unterschied Pikieren vs. Vereinzeln)
Pikieren und Vereinzeln sind zwei Arbeitsschritte in der Jungpflanzenzucht, die oft verwechselt werden – dabei haben sie unterschiedliche Zwecke und werden zu verschiedenen Zeitpunkten durchgeführt.
Pikieren ist das Umstechen von Jungpflanzen aus der Anzuchtschale oder dem Anzuchttopf in größere Behälter. Dies geschieht, wenn die Pflanzen ihre ersten echten Blätter (Laubblätter) ausgebildet haben – also nach dem Verschwinden der Keimblätter. Beim Pikieren werden die jungen Pflanzen einzeln in neue Töpfe oder Behälter mit frischer, nährstoffreicherer Erde gepflanzt. Diese Maßnahme fördert das Wurzelwachstum und gibt jeder Pflanze mehr Platz zum Gedeihen.
Vereinzeln ist das Vereinzeln direkt im Freilandbeet oder im endgültigen Anbaubereich. Dies erfolgt, wenn die Jungpflanzen aus ihren Anzuchttöpfen oder nach dem Pikieren so groß sind, dass sie ins Beet umziehen können. Beim Vereinzeln werden die vorgezogenen Pflanzen mit dem richtigen Abstand in die endgültige Position gebracht.
Zusammengefasst: Pikieren = Umzug in einen größeren Topf / Vereinzeln = Umzug ins Beet mit korrektem Abstand.
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Der perfekte Zeitpunkt zum Pikieren ist entscheidend für den späteren Erfolg. Hier ist eine Übersicht für beliebte Gemüsesorten:
| Pflanze | Pikier-Zeitpunkt | Erkennungsmerkmale |
|---|---|---|
| Tomaten | 8-10 Tage nach Keimung | 2 echte Blattpaare sichtbar, noch nicht zu groß |
| Paprika | 10-12 Tage nach Keimung | Erst 2-3 echte Blätter, Größe ca. 3-4 cm |
| Aubergine | 12-14 Tage nach Keimung | 4-5 echte Blätter, deutlich kräftigeres Wachstum |
| Sellerie | 14-16 Tage nach Keimung | Mehrere echte Blätter, gutes Wurzelsystem erkennbar |
| Kohl (Brokkoli, Blumenkohl) | 12-14 Tage nach Keimung | 2-3 echte Blattpaare, robustes Aussehen |
| Salat | 10-12 Tage nach Keimung | Mindestens 4 echte Blätter, ca. 5 cm Höhe |
| Basilikum | 8-10 Tage nach Keimung | 4 echte Blätter ausgebildet |
| Zucchini | 10-12 Tage nach Keimung | Keimblätter noch sichtbar, erste echte Blätter |
Die Faustregel: Pikiert, wenn die Jungpflanze mindestens 2 echte Blattpaare hat und stabil genug ist, um ohne zu brechen umgesetzt zu werden. Wartet nicht zu lange, denn überwachsene Pflanzen verkraften das Pikieren schlecht und entwickeln lange, dünne Stängel.
Das brauchst du zum Pikieren
Um professionell zu pikieren, benötigt ihr folgende Werkzeuge und Materialien:
Pikierholz oder Pikierstab
Ein Pikierholz (auch Setzholz genannt) ist ein wichtiges Werkzeug. Es hilft, in der Pikiererde ein Pflanzloch zu machen, das exakt zur Größe der Wurzeln passt. So vermeiden Sie Luftlöcher und Wurzelbeschädigungen. Pikierholz auf Amazon kaufen
Anzuchttöpfe und Kunststoffschalen
Nach dem Pikieren braucht jede Jungpflanze einen eigenen kleinen Topf (ca. 8-10 cm Durchmesser für die meisten Arten). Kunststoffpöttchen sind kostengünstig und leicht zu handhaben. Manche Gärtner verwenden auch Torf- oder Jiffy-Töpfe, die später direkt ins Beet gepflanzt werden können. Anzuchttöpfe auf Amazon kaufen
Hochwertige Pikiererde
Die richtige Erde ist entscheidend. Pikiererde ist speziell formuliert mit ausreichend Nährstoffen und optimaler Körnung. Sie sollte locker, wasserspeichernd und luftdurchlässig sein – anders als Anzuchterde, die nährstoffärmer ist. Pikiererde auf Amazon kaufen
Feine Gießkanne oder Sprühflasche
Nach dem Pikieren braucht ihr ein Werkzeug, um vorsichtig zu gießen, ohne die empfindlichen Pflänzchen zu beschädigen. Eine Gießkanne mit feiner Brause oder eine Sprühflasche sind ideal. Gießkanne auf Amazon kaufen
Zusätzliche Hilfsmittel
Ein flaches Anzuchtschälchen (von dem ihr die Jungpflanzen herausholt), alte Zahnbürsten (zum Entwirren von Wurzeln), etiketten (zur Beschriftung der Töpfe) und ggf. eine Wärmematte (für temperaturempfindliche Arten wie Paprika) sind ebenfalls hilfreich.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
Hier ist eine detaillierte Anleitung zum Pikieren Ihrer Jungpflanzen:
Schritt 1: Vorbereitung der Pikiererde
Füllt die Pikiererde in eure Anzuchttöpfe und drückt sie leicht an. Sie sollte gleichmäßig feucht, aber nicht nass sein. Macht mit dem Pikierholz oben ein Loch, das genau groß genug ist, um die Wurzeln der Jungpflanze aufzunehmen (meist 1-2 cm tief). Feuchtet die Anzuchtschale mit den Jungpflanzen vorher leicht an – das macht das Herausholen einfacher und beschädigt die Wurzeln weniger.
Schritt 2: Jungpflanzen herausnehmen
Nehmt vorsichtig die Jungpflanze heraus – idealerweise mit einem Teil der Erde um die Wurzeln herum. Greift die Pflanze niemals am Stängel, sondern immer an den Blättern! Der Stängel bricht leicht ab und die Pflanze ist verloren. Löst die Wurzeln behutsam auseinander, besonders wenn mehrere Pflanzen in einem Cluster zusammen gewachsen sind. Eine alte Zahnbürste hilft dabei, ohne die feinen Wurzeln zu beschädigen.
Schritt 3: Richtige Pflanztieche festlegen
Dies ist ein kritischer Punkt: Die meisten Jungpflanzen sollten in der gleichen Tiefe gepflanzt werden wie in der Anzuchtschale. Eine Ausnahme sind Tomaten – diese können tiefer gepflanzt werden (mehr dazu im Profi-Tipp). Haltet die Jungpflanze über das Pflanzloch und überprüft die Tiefe mit dem Pikierholz oder euren Augen.
Schritt 4: Einpflanzen und Anpressen
Setzt die Pflanze vorsichtig in das Loch und drückt die Erde um die Wurzeln herum sanft an. Der Ballen sollte vollständig von Erde umgeben sein, ohne Luftlöcher. Die Erde sollte bis zum unteren Blattansatz reichen. Achtet darauf, dass die Pflanze aufrecht steht und nicht schiefhängt.
Schritt 5: Angießen und Lagerung
Gießt die gerade gepikierte Pflanze mit einer feinen Brause an. Das hilft der Erde, sich um die Wurzeln zu setzen. Haltet die Erde in den nächsten Tagen gleichmäßig feucht (nicht nass!). Stellt die Töpfe an einen hellen, warmen Ort – idealerweise mit einer Temperatur von 18-22°C für die meisten Gemüsearten. Die Pflanzen benötigen direkt nach dem Pikieren etwa eine Woche Zeit, um sich zu erholen, bevor sie neues Wurzel- und Blattwachstum zeigen.
Vereinzeln im Beet
Nach 4-6 Wochen Wachstum im Anzuchttopf sind eure Pflanzen groß genug zum Vereinzeln im Freiland. Das ist der nächste kritische Schritt:
Die richtigen Abstände
Jede Gemüseart hat unterschiedliche Platzbedürfnisse. Tomaten brauchen 50-60 cm Abstand, Paprika 40-50 cm, Salat nur 20-30 cm. Zu enge Abstände führen zu Krankheiten, schlechter Belüftung und kleinerem Ertrag. Schaut in eure Sortenbeschreibungen, um die genauen Abstände zu erfahren.
Die Technik: Abschneiden statt Ausreißen
Hier ist ein Profi-Geheimnis, das viele Anfänger nicht kennen: Beim Vereinzeln im Beet solltet ihr nicht einzelne Pflanzen aus dem Anzuchttopf oder Anzuchtbett herausreißen. Stattdessen schneidet ihr alle „überzähligen“ Pflanzen mit einer sauberen Schere knapp über der Bodenoberfläche ab. Die stärkste Pflanze bleibt stehen und wächst ungestört. Warum? Weil das Herausreißen die Wurzeln der stehen bleibenden Pflanze beschädigt. Das Abschneiden verzichtet auf diese Störung und die verbleibende Pflanze entwickelt sich besser. Dies ist besonders wichtig bei direkt ins Beet gesäten Pflanzen (wie Salat, Radieschen, Rettich).
Beim Verpflanzen von Jungpflanzen aus Töpfen ins Beet arbeitet ihr wie folgt: Bereitet das Beet vor, macht Pflanzlöcher mit dem richtigen Abstand, stellt die Jungpflanze aus dem Topf ein und füllt mit Erde auf. Gießt sofort nach dem Pflanzen und haltet die Erde die ersten 2-3 Wochen gleichmäßig feucht.
Die 5 häufigsten Anfängerfehler
Fehler 1: Zu lange warten mit dem Pikieren
Manche Gärtner warten, bis die Pflanzen sehr groß sind. Das ist ein Fehler. Je größer die Pflanze, desto schlechter verkraftet sie das Pikieren. Überwachsene Pflanzen mit langen, dünnen Stängeln lassen sich schwer anwurzeln und geben weniger Ertrag. Pikiert rechtzeitig, sobald die ersten echten Blätter sichtbar sind.
Fehler 2: Die Pflanze am Stängel anfassen
Der Stängel von Jungpflanzen ist brüchig und zerbricht sofort, wenn ihr dort fasst. Greift immer an den Blättern oder dem Stängel ganz oben, niemals in der Mitte des Stängels. Eine beschädigte Pflanze ist oft nicht mehr zu retten.
Fehler 3: Zu tiefe oder zu flache Pflanzung
Die Pflanzen sollten nicht tiefer gepflanzt werden als sie vorher standen (außer Tomaten). Wird sie zu flach gepflanzt, trocknet der Wurzelballen schnell aus. Wird sie zu tief gepflanzt, kann der Stängel anfaulen. Die richtige Tiefe ist das Geheimnis.
Fehler 4: Zu viel oder zu wenig Wasser
Nasse Erde führt zu Pilzkrankheiten, Staunässe und Wurzelfäule. Trockene Erde führt zu Wachstumsstop und verwelkten Pflanzen. Haltet die Erde nach dem Pikieren gleichmäßig feucht wie ein ausgewrungenes Tuch – aber nicht nass. Das ist die Kunst!
Fehler 5: Zu wenig Licht nach dem Pikieren
Jungpflanzen brauchen nach dem Pikieren viel Licht. Stellt sie nicht ins dunkle Zimmer! Ein heller Fensterplatz oder eine Pflanzenleuchte in 10-15 cm Höhe ist ideal. Zu wenig Licht führt zu dünnen, langen Stängeln (Vergeilen), die später nicht stabil sind.
Welche Pflanzen pikieren, welche nicht?
Nicht alle Pflanzen werden gepikiert. Hier ist eine Übersicht mit drei Kategorien:
| Kategorie | Pflanzen | Erklärung |
|---|---|---|
| Werden pikiert | Tomaten, Paprika, Aubergine, Kohl, Brokkoli, Blumenkohl, Sellerie, Basilikum, Oregano, Thymian | Langsam keimende, kälteempfindliche Arten. Vorzucht im Haus nötig. Pikieren fördert Wurzelsystem und kräftiges Wachstum. |
| Können pikiert werden (optional) | Salat, Spinat, Mangold, Rettich, Kohlrabi | Können direkt gesät oder vorgezogen und gepikiert werden. Pikieren ermöglicht bessere Kontrolle und höhere Überlebensraten. |
| Nicht pikieren | Zucchini, Kürbis, Melone, Gurke (meist), Bohnen, Erbsen, Mais, Schnittlauch | Schnell keimend, wurzelempfindlich. Verkraften Umpflanzen schlecht. Direkt in größere Töpfe säen oder direkt ins Beet säen. |
Profi-Tipp: Tomaten tiefer pikieren
Hier ist ein Geheimnis der erfahrenen Gärtner: Tomaten sind die einzige Ausnahme bei der Pflanztiefe. Tomaten können und sollten beim Pikieren tiefer gepflanzt werden als sie ursprünglich standen. Dies ist eine der wichtigsten Techniken zur Erzeugung von kräftigen, stabilen Tomatenpflanzen.
Warum? Tomaten bilden an ihrem Stängel – überall dort, wo dieser die Erde berührt – zusätzliche Wurzeln aus. Ein tieferes Pflanzen führt also zu einem stärkeren, ausgedehnteren Wurzelsystem. Dies macht die Pflanze später widerstandsfähiger gegen Trockenheit und Krankheiten.
Praktisch bedeutet das: Entfernt die unteren Blätter der Tomatenjungpflanze und pflanzt den Stängel bis zu den obersten Blättern in die Pikiererde. Der eingegrabene Stängel wird zu Wurzeln. Das Ergebnis: Eine kräftige, robust verwurzelte Tomatenpflanze, die später einen höheren Ertrag bringt. Diesen Trick können Sie bei jeder Tomatenjungpflanze anwenden, auch wenn Sie mehrmals pikieren (erst in kleine, dann in größere Töpfe).
FAQ – Häufig gestellte Fragen zum Pikieren
F: Muss ich jede Jungpflanze einzeln pikieren, oder kann ich mehrere zusammen in einen Topf pflanzen?
A: Jede Jungpflanze sollte einzeln in einen eigenen Topf. Mehrere Pflanzen in einem Topf konkurrieren um Wasser, Nährstoffe und Licht, was zu schwächlichem Wachstum führt. Eine Ausnahme: Bei sehr feinen Samen (z.B. Salat oder Basilikum) können Sie zunächst mehrere Samen zusammen säen und später die schwächeren Pflanzen entfernen (nicht pikieren).
F: Kann ich Jungpflanzen mit bloßen Wurzeln pikieren, oder müssen sie in Erde sein?
A: Idealerweise sollte ein Teil der ursprünglichen Erde um die Wurzeln bleiben. Das schützt die feinen Wurzelhärchen. Wenn nötig, können Sie aber auch mit bloßen Wurzeln pikieren – gießt dann sofort nach dem Pflanzen. Dies ist bei sehr eng stehenden Jungpflanzen manchmal nötig.
F: Wie lange nach dem Pikieren kann ich die Jungpflanzen düngen?
A: Warten Sie mindestens 10-14 Tage nach dem Pikieren, bevor Sie das erste Mal mit schwachem Dünger gießen. Die Pikiererde enthält bereits Nährstoffe. Zu frühes und zu starkes Düngen führt zu Überdüngung und Wurzelbrand. Ein wenig organischen Langzeitdünger in der Pikiererde ist ausreichend.
F: Meine Jungpflanzen wurden nach dem Pikieren gelb – was ist falsch?
A: Gelbe Blätter nach dem Pikieren können mehrere Ursachen haben: (1) Zu wenig Licht – nicht genug Helligkeit am Fenster. (2) Zu viel Wasser – Staunässe und Wurzelfäule. (3) Zu kalt – unter 15°C stockt das Wachstum. (4) Stickstoffmangel – der Dünger reicht nicht mehr aus. Überprüft Licht, Temperatur und Feuchte und passt an.
F: Kann ich Jungpflanzen direkt vom Anzuchtbeet ins Freiland pflanzen, ohne in einen Topf zu pikieren?
A: Technisch ja, aber es ist nicht ideal. Das Pikieren in Töpfe gibt dir die Kontrolle über den Wachstumsprozess und höhere Überlebensraten beim Auspflanzen. Wenn du jedoch im Anzuchtbett (mit ausreichend Platz) pikierst statt in Töpfe, kann das funktionieren – ist aber schwieriger zu handhaben und der Pflanzenbestand ist mehr den Witterungsbedingungen ausgesetzt.
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